This article has been written for the internet magazine “Cockroaches” (Hamamboculeri
– www.hamamboculeri.org) and was also published in the daily newspaper Yeniduzen
in the north
Wenn wir unsere Toten nicht begraben können, so sollten wir unsere Erde
teilen
Von Sevgül Uludağ, Nordzypern
sevgul_uludag@yahoo.com
www.hamamboculeri.org
Kostas Hadjipavlou war 50 Jahre alt, als er gezwungen wurde, diesen Boden
zu verlassen. In Agios Amvrosios oder Aygurush, das unter „neuem“ Namen Esentepe
heißt, hatte er Obstgärten, vier Töchter und das Herz voller
Hoffnungen und Träume.
1974, als die Herren auf dieser Insel namens Zypern Züge wie auf einem
Schachbrett durchführten, wurden Tausende von Menschen gewaltsam zu
Flüchtlingen gemacht. Das waren die Tage, als sich Kriegswolken am Himmel
zusammenbrauten, als Brüder Brüder töteten. Das waren die
Tage, als junge Mädchen vergewaltigt wurden, als kleine Kinder, Alte
und Junge in ihre Gräber geschickt wurden. Und als Kostas Hadjipavlou,
der seinen Namen einem bekannten zyprischen Cognac gab, ein Flüchtling
wurde.
Er war der Vater meiner lieben Maria. Herausgerissen aus dem Norden und im
Süden wieder angesiedelt, machte er einen Handel mit der Kirche in Stavrovouni.
„Bitte gebt mir ein Stück Land“, sagte er, die Augen zum Himmel gerichtet,
„wo ich zumindest eine Miniatur meines Obstgartens von Agios Amvrosios aufbauen
kann. Welche Früchte er auch abwerfen wird, ich werde sie mit euch teilen!“
Und die Mönche von Stavrovouni willigten ein.
Kostas pflanzte seinen Obstgarten. Er war natürlich nicht so schön
wie der von Agios Amvrosios. Er war nach seinen eigenen Worten eine „Miniatur“.
Er bepflanzte und bewässerte die Erde und liebte jedes einzelne Samenkorn,
jeden einzelnen kleinen Baum – denn sie alle waren Teil seines Herzens. Er
beobachtete das Wunder, wie das Leben aus der Erde sprießte. Doch in
jedem Winkel seines Herzens trug Kostas die Obstgärten, die er im Norden
der Insel verlassen hatte. 28 lange Jahre hielt er diesen Traum am Leben
– dass er eines Tages in sein Dorf zurückkehren würde, in seine
Obstgärten, in sein Zuhause.
Heute Abend sitze ich hier in einer geteilten Stadt, im Norden Nikosias,
und weine um ihn. Mein Herz schlägt auf beiden Seiten einer geteilten
Insel. Ich verstehe Kostas’ Gefühle. Ich kann das Pflanzen und das Gießen
spüren, das Grün der wachsenden Johannisbrot- und Olivenbäume,
den Duft der Zitronen, das Rot der Erde.
Erst vor zwei Monaten nahm er sein Auto und versuchte, den Checkpoint zu
überqueren. Die Polizei stoppte ihn: „Halt, was machst du da? Wohin
gehst du?“ „Ich muss rüber und meine Bäume gießen.“ „Auf
gar keinen Fall! Kehr sofort um! Das ist verboten!“ Diese Verbote brachen
Kostas das Herz.
Ich habe Kostas nie getroffen, aber ich traf eine seiner Töchter, Maria,
mit einem wunderbaren Herzen. Maria und ich waren Mitglieder der bikommunalen
Gruppe der „Conflict Resolution Trainers“. Unsere Freundschaft geht nun schon
über zehn Jahre. Immer wenn wir uns treffen, sagt Maria: „Koukla mou
(meine Schöne), wie geht es Dir?“ Und sofort beginnen wir zu diskutieren:
über Frauen, Frieden, Politik. Wir reden über alles, was in unserem
Leben passiert.
Letzte Woche verlor Maria ihren Vater Kostas. Er starb mit 78 Jahren. Diese
Neuigkeit erschütterte unsere Frauengruppe „Hands Across the Divide“.
Zur gleichen Zeit brachte Zehra, ein Mitglied unserer Gruppe, ein Kind zur
Welt namens Doga. E-Mails brachten die Nachrichten von Geburt und Tod.
Ich dachte, dies sind die Dinge, die uns das Leben bringt: Neuigkeiten über
Glück und Trauer – zur gleichen Zeit. Ich war gleichzeitig im Norden
und im Süden, um einerseits das zauberhafte Kind Doga zu feiern, das
mit seiner kleinen Faust nach dem Leben greift, und um andererseits aus vollem
Herzen um Kostas zu weinen. Weil Kostas die Bäume nie vergessen hat,
die er im Norden verließ, oder sein Land, oder seine Heimat, die gewaltsam
geteilt wurde. Denn dies ist die Heimat aller Zyprioten, sie trägt die
gleichen Düfte, die gleiche Erde, die gleichen Herzschläge.
Kostas wollte im Norden begraben werden, in seinem Dorf. Er wollte in diesem
Land begraben werden. Natürlich geschah das nicht, denn der „Staat“
der diesen Ort regiert, hat keine Beziehung zu menschlichen Gefühlen.
Sie können den letzten Willen eines alten Menschen nicht verstehen.
Sie können nicht verstehen, dass er das Meer bei Agios Amvorsios noch
einmal riechen, seine Bäume noch ein letztes Mal gießen möchte.
Das alles erzählte ich meinem Lebensgefährten und er sagte: „Aber
warum schickst du ihm nicht ein wenig Erde?“ Und das taten wir. Wenn wir
unsere Toten nicht zum Ort ihres letzten Willens bringen können, wenn
wir sie nicht dort begraben können, wo sie wollten, so sollten wir unsere
Erde teilen!
Wir – das war unsere Frauengruppe „Hands Across the Divide“. Eine von uns
übernahm diese Aufgabe, das Herz voller Schmerz. Am Telefon weinte sie
über den Tod eines Zyprioten, der das Land, das er so sehr vermisst
hatte, nicht noch ein letztes Mal sehen konnte. Die Frauen in unserer E-Mail-Gruppe
empörten sich. Wir wollten Maria beistehen in dieser schweren Zeit,
und die griechischen Zypriotinnen wollten Zehras neugeborenes Kind Doga besuchen.
Doch unsere Insel ist geteilt. Die Politik auf der türkischen Seite
hat keinen „Platz“ für solch menschliche Angelegenheiten. Die offizielle
Politik auf der türkischen Seite gründet sich auf das Argument,
dass „Grenzen undurchdringlich sind“. Die griechisch-zyprischen Frauen konnten
Doga nicht besuchen und die türkisch-zyprischen Frauen konnten die Grenze
nicht überschreiten, um beim Begräbnis von Marias Vater Kostas
dabei zu sein. Wir konnten in unserem Land den letzten Willen unserer Toten
nicht ausführen.
Doch wir realisierten den Plan meines Lebensgefährten. Gestern schickten
wir Maria etwas Erde vom Dorf ihres Vaters. Eine Frau, deren Herz der Teilung
widersteht, brachte diese Erde weinend zu einer anderen Frau in einem Dorf
namens Pyla, das in der „Todeszone“ unter der Kontrolle von UN-Truppen liegt.
Eine andere Frau mit einem aufrührerischen Herzen nahm die Erde und
brachte sie heute morgen zu Kostas’ Grab.
Wenn wir unsere Toten nicht dort begraben können, wo sie wollen, so
sollten wir Frauen dieser Insel unsere Erde teilen. Wir teilen unsere Erde,
unsere Luft, unser Wasser, unser Herz, unsere Gedanken. Auch wenn die Herren,
die ein Interesse an der fortwährenden Teilung dieser Insel haben, uns
nicht „erlauben“, gemeinsam die Geburt unserer Kinder zu feiern und gemeinsam
um unsere Toten zu trauern, gelingt es uns doch, die Grenzen zu überschreiten.
Eine Handvoll Erde, das ist alles. Eine Handvoll Erde wurde geteilt, befördert
in einer Plastiktüte und auf ein Grab gestreut.
Heute Abend, als ich mit Maria am Telefon sprach und die Leitungen von allen
Geheimdiensten abgehört wurden, floss eine Träne, weil diese Grenze,
die sich durch unsere Mitte zieht, unbegreiflich, unlogisch, absurd und gegen
das menschliche Leben ist. Weil unser Herz mit Marias Herz schlägt und
weil die Herzen aller Marias mit den Herzen aller neugeborener Dogas schlagen.
Weil Maria Blumensamen in die Erde gelegt hat, die aus dem Norden kam, damit
sie auf einem Grab im Süden blühen. Weil Grenzen bedeutungslos
sind, doch all das, was durch unsere Herzen fließt, bedeutungsvoll
ist. Weil unsere Herzen die Herzen menschlicher Wesen sind. Und darin liegt
genau unsere Stärke: in der unglaublichen Landkarte des menschlichen
Herzens, in den Gefühlen, die Grenzübergänge und Stacheldraht
überwinden, im gemeinsamen Gefühl der Trauer um unsere Toten und
des Glückes über unsere Neugeborenen.
Dieser Artikel der türkisch-zyprischen Journalistin Sevgül Uludağ
wurde am 14.10. für das Internet-Magazin <www.hamamboculeri.org>
geschrieben und später in der nordzyprischen Tageszeitung „Yeniduzen“
veröffentlicht. Übersetzt ins Deutsche von Dorothee Pilavas.